Der Autor Einar Már Gudmundsson

von Michael Hopp am 10.09.2004

Nachdem der letzte Beitrag zu zeitgenössischer isländischer Literatur im August mit der Vorstellung der Autorin Stella Blomkvist dem Boom isländischer Krimis in Europa Rechnung trug, soll es dieses Mal nicht ganz so aktuell zugehen (für Krimiliebhaber nur noch der Hinweis: Der neue Roman von Arnaldur Indridason Engelsstimme ist gerade erschienen, Edition Lübbe, gebunden € 18,50).

Es gibt wohl kaum ein Land, das, im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl, so viele gute Autoren hervorbringt wie Island. Einar Màr Gudmundsson ist so einer. Meiner ganz persönlichen Ansicht nach zählt er zu den großen Geschichtenerzählern Europas. Drei Bücher von ihm sind bisher in Deutschland erschienen.

Doch eines nach dem anderen, schauen wir uns zunächst seine Biografie an.

Gudmudsson wurde 1954 in Reykjavik geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität von Island und legte dort auch seinen Bachelors of Arts ab. Seine erste berufliche Station war die Universität von Kopenhagen. Heute lebt er wieder in Reykjavik, ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.

1980 veröffentlichte er seine erste literarische Arbeit, eine Lyrikanthologie mit dem Titel: "Er nokkur í kórónafötum her inni?" (Falls übrigens jemand eine deutsche oder englische Übersetzung kennt, wäre ich für eine Nachricht dankbar).

Ein Paukenschlag war seine erste Prosaveröffentlichung 1982, der Roman "Riddarar Hringstigans" (Almenna bókafélagid, Reykjavik). In Deutschland erschien es zum ersten Mal 1988 in einem kleinen Hamburger Verlag unter dem Titel "Die Ritter der runden Treppe".

Erzählt werden zwei Tage aus dem Leben des Jóhann Pétursson, der natürlich wie alle sechsjährigen Jungen ein aufregendes Leben führt, und für den die banalsten Dinge zu Abenteuern werden. Alles spielt sich in der kleinen Siedlung ab, in der Jóhann, seine Freunde und ihre Familien wohnen. Mit den wachsamen Augen eines Sechsjährigen kommentiert er die banalsten Sachen oft mit überraschender Weitsicht und der unschlagbaren Logik kindlicher Naivität, welche die Dinge auf den Punkt bringt. Kapitel wie "Die Bademütze im Klofenster", "Das ganze Viertel isst im Takt" oder "Die Gummischuhe brennen" sind oft nur vordergründig lustig, seziert Jóhann doch oft messerscharf das absurde Verhalten seiner Umwelt.

Das alles erzählt Einar Már Gudmundsson mit einer kraftvollen, anregenden Fabulierlust, dass das Buch einen mitreißt – und Gudrun Marie Hanneck-Kloes ist eine wunderschöne Übersetzung des Textes gelungen.

1993 erschien dann "Englar alheimsins" (Mál og menning, Reykjavik), deutscher Titel "Engel des Universums". Auch hier wieder ist das Thema die Betrachtung der genormten Gesellschaft aus anderer Sichtweite. Allerdings mit tragischem Hintergrund. Gudmundsson erzählt die Geschichte seines geisteskranken Bruders Páll, der 1992 im Alter von 43 Jahren verstarb. Überzeugend gibt er dessen innere Welt wieder und zeigt wie schmal der Grat zwischen Normalität und Wahnsinn sein kann. Ein bewegendes Buch.

Sein bisher letztes Werk "Fotspár pá himlen" erschien 1997 (deutsch: "Fußspuren am Himmel") und hat ebenfalls wieder die Veränderung der isländischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zum Thema. Dieses Mal anhand seines eigenen Familienstammbaums, und selten sind die rasanten Veränderungen der isländischen Nachkriegsgeschichte so anschaulich, amüsant und einfühlsam geschildert worden. Für dieses Buch, es wurde übrigens auch verfilmt, erhielt der Autor den Preis des Nordischen Rates.

Das Schöne an den Büchern Einar Már Gudmundssons ist die Art und Weise der Betrachtung. Er verurteilt nicht, er staunt höchstens nur, er kann ironische Distanz bewahren und trotzdem mitfühlend schildern, er fabuliert "munter" drauflos, ohne ins Übersteigerte abzufallen – und er hat eine scharfe Beobachtungsgabe.

Deutsche Veröffentlichungen:

"Die Ritter der runden Treppe", Taschenbuch, btb bei Goldmann
"Engel des Universums", gebunden, Hanser
"Fußspuren am Himmel", Taschenbuch, btb bei Goldmann

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