Die Entdeckung und Besiedlung Islands

Erste mögliche Sichtungen

Die ersten Beschreibungen der eisigen Welt des Nordmeeres liegen fast 2.000 Jahre zurück. In jener Zeit segelte ein Grieche mit dem überlieferten Namen Pytheas auf einer Forschungsreise von Marseille bis zu den britischen Inseln und der norwegischen Küste. Mit großer Wahrscheinlichkeit befuhr er jedoch auch Gewässer nördlich des Polarkreises, denn Beschreibungen von Fjorden und Eisbergen sowie von Tageslicht rund um die Uhr sind nachweisbar von ihm überliefert. Dass er tatsächlich auch Island erreichte, ist zwar nicht bewiesen; doch wurde der von ihm gewählte Name „Thule” bis in das Mittelalter hinein als Bezeichnung der Insel verwendet.

Offen bleibt auch, woher die ca. 1.700 Jahre alten römischen Münzen stammen, die man bei Ausgrabungen in Südisland gefunden hat. Natürlich ist es möglich, dass Seefahrer aus dem römischen Imperium sie hier verloren haben. Die Münzen könnten aber ebenso gut auch aus Beutezügen der Wikinger stammen.

Als gesichert gilt die zeitweise Besiedlung Islands durch irische Mönche, die im achten Jahrhundert nach abgeschiedenen Orten und einsamen Inseln suchten, um dort Gott dienen zu können. Offenbar haben sie sich damals während der Sommermonate auch auf der Vulkaninsel aufgehalten. Der englische Gelehrte Venerable Bede (674-735) hatte in seinen Schriften bereits um 710 eine Insel mit dem Namen "Thule" erwähnt. Auch die Färöer Inseln wurden in der Mitte des siebenten Jahrhunderts entdeckt.

Wann auch immer Island durch irische Mönche vorübergehend besiedelt wurde - sicher ist, dass sie sich nach Ankunft der nordischen Wikinger fluchtartig zurückzogen, denn sie hinterließen zahlreiche Gebrauchsgegenstände wie Bücher und Glocken. Die Mönche wurden von den Wikinger "papar" (Pfaffen) genannt. Noch heute finden wir einige Ortsnamen (z.B. Papey), die an die Anfangsphase der isländischen Geschichte erinnern. Da die frühen irischen Christen nicht dauerhaft auf der Insel blieben, sondern nur während der Sommermonate, werden sie nicht als die ersten Siedler Islands anerkannt.

Die ersten nordischen Entdecker

Einer der ersten nordischen Entdecker Islands war mit großer Sicherheit der Norweger Naddoddur in der Mitte des neunten Jahrhunderts. Wie in den meisten Fällen handelte es sich hierbei eher um einen Zufall, als um eine Entdeckungsfahrt. Bei einer Fahrt zu den Färöer kam er vom Kurs ab und segelte zu weit in nordwestliche Richtung. Naddoddur erreichte einige Zeit später ein ihm völlig unbekanntes Land. Er erkundete eine Zeitlang den Südosten Islands, bevor er wieder in See stach.

Einige Zeit später kam der aus Schweden stammende Gardar Svarsson auf ähnliche Weise zu dem fremden Land am Rande des Eismeeres. Um das Land genauer kennenzulernen, umrundete er es und stellte fest, dass es sich um eine große Insel handelte. Diese erste Island-Umrundung kostete jedoch so viel Zeit, dass er in Nordisland überwintern musste. Den Ort seines Winterlagers nannte er Húsavík (Hausbucht). Während des Winters entkam ein Mann der Besatzung Svavarssons zusammen mit zwei Sklaven und einer Frau. Diese vier Menschen blieben im nächsten Frühjahr auf der Insel zurück und sind somit eigentlich die ersten dauerhaften Siedler. Doch da sie nicht freiwillig hier lebten, bzw. niemand von ihnen eine ehrenhaften Abstammung hatte, wurden sie nicht als erste Siedler anerkannt.

Der norwegische Wikinger Flóki Vilgerdarson gilt als der dritte Besucher Islands mit nordischer Abstammung. Er zog mit seiner gesamten Familie los, um das Land zu besiedeln. In einem Fjord im Nordwesten der Insel ließ er sich nieder. Da er seinen Hof nicht ausreichend bewirtschaftete, verhungerten im folgenden Winter viele seiner, unter schwierigen Bedingungen mitgebrachten Tiere. Im Frühjahr erklomm der Wikinger einen Berg nahe seines Hofes. Von dort sah er einen mit Eis überzogenen Fjord, woraufhin er dem Land seinen heutigen Namen gab: Ísland (Eisland). Flóki segelte mit seinen Leuten wieder nach Norwegen zurück. Als er aber einige Jahre später von den ersten Siedlern Islands hörte, die behaupteten das Land sei so gut, dass dort Milch und Honig flössen, kehrte er wieder auf die Insel im Nordatlantik zurück, um schließlich dauerhaft dortzubleiben. Die Rolle des ersten Siedlers fiel damit also einem anderen zu.

Der erste dauerhafte Siedler

Als Ingólfur Arnason in Norwegen von einem Land im Westen über dem Meer hörte, beschloss er seine zu jener Zeit weniger friedliche Heimat zu verlassen und auf Island zu siedeln. Bei der Überfahrt hatte er bereits das Holz sein zukünftiges Haus geladen. Wie zu jener Zeit üblich, war auf den Balkenenden seines zukünftigen Hauses der Kopf des germanischen Gottes Thor geschnitzt. Vor der Küste Islands warf Ingólfur diese Säulen nach damaligem Brauch ins Wasser, um an der Stelle, an der sie an Land gespült werden, sein neues Heim zu erreichten. In der ersten Zeit siedelte Ingólfur im Südosten der Insel. Doch nach einigen Jahren entdeckten seine Sklaven die Hochsitzpfeiler in einer Bucht weiter westlich. Ingólfur gab dieser den Namen Rauchbuch - Reykjavík.

Mit dem Jahr 874 und der Besiedlung Islands durch Ingólfur Arnason begann die Zeit der Landnahme. Sie dauerte bis ca. 930 an. Zu jener Zeit waren wohl die besten Plätze der Insel vergeben. Bis heute wissen wir nicht, wie viele Menschen sich bis dahin auf Island niedergelassen hatten. Die Schätzungen gehen weit auseinander und schwanken zwischen 20.000 und 60.000 Siedlern. Eine in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts durchgeführte Zählung der Grundbesitzer ergab 4.560 freie Bauern. Die Anzahl der Familienangehörigen und Arbeitskräften ist jedoch nicht bekannt.

Die umfangreichsten Informationen über diese Zeit finden wir im so genannten Landnahmebuch. Neben Namen und Besitztümern der Siedler ist zu Beginn dieser Quelle auch eine Navigationsanweisung enthalten. Hier wird ausführlich geschildert, wie man von Norwegen aus kommend nach Island und Grönland segelt. Die älteste schriftliche Überlieferung über diese Zeit ist jedoch das Isländerbuch des Priesters Ari Thorgilsson (1068-1148). Dieser kurze, aber wichtige Text stammt aus den 20er Jahren des 12. Jahrhunderts und enthält neben den wichtigsten Daten der Besiedlung auch Informationen über die politische Organisation jener Zeit.

Der isländische Freistaat

Das Jahr 930 n. Chr. kennzeichnet den Beginn einer neuen Epoche. Große Teile der norwegischen Gesetze wurden in Island übernommen bzw. den isländischen Gegebenheiten angepasst, und ein erstes Parlament, das Althingi, gegründet. Zwar hatte dieses Parlament legislative, als auch judikative Befugnis, doch fehlte die exekutive Macht. Sie lag ausschließlich in privater Hand. Auf einen König wurde gänzlich verzichtet. Die Stimme des Volkes hatte also bei wichtigen Entscheidungen mehr Gewicht als eines einzelnen Staatsoberhauptes. Hier finden wir erste demokratische Ansätze. Die folgenden Jahrhunderte bis zum Jahr 1262 werden in der isländischen Geschichtsliteratur als die Zeit des Freistaats bezeichnet. In dieser Zeit entstanden die berühmten isländischen Sagas, und auch die Edda wurde niedergeschrieben.


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