Wikinger in Grönland und Amerika

Die Wikinger in Grönland und Amerika

Wikinger-Siedlungen in Grönland

Denkmal für Erik der Rote in Südgrönland
Erik der Rote in Südgrönland
Bei einem Althing in Island im Jahre 982 wurde der Wikinger Erik der Rote wegen eines im Streit verübten Totschlags geächtet und für drei Jahre aus dem Land verwiesen. Von anderen vom Kurs abgekommenen Seefahrern hatte er gehört, dass es im Westen über dem Meer weiteres Land gibt. So segelte er nach Grönland und erkundete die Landmasse insbesondere rund um die Südspitze, wo es ähnlich wie heute eisfreies und besiedelbares Land mit grünen Wiesen gegeben haben dürfte. Die Beliebtheit Erik des Roten und die Verlockung auf ein eigenes fruchtbares Stück Land zeigt sich daran, dass nach seiner Rückkehr aus der Verbannung 25 Auswandererschiffe aus Island folgten.

Die wenigen Siedler, die ihr Ziel erreichten, fanden in den Fjorden blumenreiche Wiesen, auf denen das unter schwierigen Bedingungen mitgebrachte Vieh weiden konnte. Ansonsten war das Land von Felsen und Eis bedeckt. Was wir von der Landung der Wikinger auf Grönland und der Besiedlung wissen, stammt zu großen Teilen auch aus den Sagas der Isländer bzw. der so genannten Grönländsaga. Einige Geheimnisse ließen sich auch aus den Ruinen entlocken, dem Mauerwerk bei Brattalið - der heutigen Inuitsiedlung Qassiarsuk - und anderen Häuserresten in der Region der Südspitze Grönlands. Auch hier muss das Leben vor 1.000 Jahren äußerst beschwerlich gewesen sein. Zu den klimatischen Bedingungen kamen zu jener Zeit noch Spannungen durch rivalisierende Glaubenslehren. Das Gegeneinander von heidnischen Götterdiensten und christlichem Glauben spaltete Familien, wie bei Erik dem Roten und seinem Sohn Leif. Die Wikingerkolonie auf Grönland besaß zu ihrer Blütezeit sogar einen Bischof, der mit dem Papst in Rom in Verbindung stand.

Wenn wir heute den letzten sichtbaren Zeichen der Besiedlung durch die Wikinger begegnen, ist es nur schwer nachvollziehbar, dass an der grönländischen Küste etwa 300 Jahre lang in weit verbreiteten Siedlungen schätzungsweise 3.000 Menschen lebten. So lebensfeindlich Grönland heute auf uns wirkt, so wurde die Insel mit ihren gigantischen Inlandseismassen doch für viele Wikinger zur Heimat. Die Vegetation und das Klima war den isländischen Verhältnissen sehr ähnlich. Zwar soll um das Jahr 1.000 diese größte Insel der Welt nach wissenschaftlichen Untersuchungen einige Grade wärmer gewesen sein als heute. Für die Lebensbedingungen war dies jedoch wahrscheinlich nicht wesentlich von Belang. Große Eisberge schwammen auch damals in den Fjorden - abgebrochen von den mächtigen Gletschern, die bis ins Meer fließen.

Überreste der ersten Wikinger-Siedlung
Überreste der ersten Wikinger-Siedlung
Brattlið in Südgrönland
Im Inneren hat Grönland eine Eisdecke von über 1.000 - teilweise sogar bis zu 3.000 Metern Dicke. Eine gigantisch gefrorene Masse, die ihre kalten Strahlungen auch im Sommer auf die grünen Wiesen an den Fjorden im Süden ausdehnt. Und dennoch haben sich wie Tiere und Pflanzen auch die Wikinger, die aus dem klimatisch ähnlichen Island gekommen waren, diesen Bedingungen angepasst. An der Kälte gingen sie mit Sicherheit nicht zu Grunde. Ihr größtes Problem bestand wohl in der Nahrungsbeschaffung und der Herausforderung, das lebensnotwendige Heizmaterial zu finden. Die übers Meer mitgebrachten Nutztiere mussten in den ersten Jahren für die Nachzucht geschont werden. Ebenso war die pflanzliche Kost begrenzt. Unter diesen schwierigen Bedingungen halfen ihnen nur Jagd und Fischfang. Das heißt, die Wikinger mussten ihr Leben so einrichten, wie es die anspruchslosen Inuit seit vielen Tausend Jahren taten. Mit Harpunen gelang es ihnen unter hohem Risiko auch kleinere und mittelgroße Wale zu erbeuten. Von einem Narwal konnte sich eine Familie eine lange Zeit ernähren. Das aus dem Fett gewonnene Öl speiste die Lampen und spendete Wärme und Licht. Das Leben der Wikinger und der Ureinwohner Grönlands muss sich im Wesentlichen ähnlich abgespielt haben. Dennoch gab es einen wesentlichen Unterschied: Während die Inuit schicksalsergeben in den Eiswelten Grönlands ihre eimat hatten, waren die Normannen unruhige, immer zum Kampf bereite und Neuland suchende Menschen. Also geborene Entdecker, wie wir es in der Grönland-Saga lesen können.

Die Wikinger in Amerika

Die Grönländ-Saga erzählt sehr authentisch von der Entdeckung Amerikas durch den Wikinger Leif Eriksson:

Rekonstruktion der ersten Kirche in Grönland
Rekonstruktion der ersten Kirche
in Grönland
"Sie rüsteten nun ihr Schiff, und sobald sie fertig waren, fuhren sie aufs Meer und trafen zuerst auf das Land, das Bjarni und seine Leute zuletzt gesehen hatten. Sie segelten zur Küste, ankerten, setzten ein Boot aus und fuhren an Land. Nirgends sahen sie dort Gras. Oben im Lande waren gewaltige Gletscher. Alles vom Strand bis zu diesen sah aus wie flaches Gestein, und das ganze Land erschien ihnen höchst unwirtlich. Das sagte Leif: `Uns ist´s mit dem Lande anders ergangen als Bjarni, der es gar nicht betrat. Ich werde ihm nun einen Namen geben. Es soll Flachsteinland heißen´. Nun kehrten sie zum Schiff zurück und fuhren weiter. Sie fanden da ein zweites Land. Sie segelten wieder zur Küste, ankerten, setzten ein Boot aus und gingen ans Ufer. Das Land war eben und waldbewachsen. So weit sie gingen, sahen sie weiße Sandflecken, und das Ufer fiel nicht steil ab zur See. Da sagte Leif: `Auch diesem Land werde ich einen Namen geben, den es verdient. Waldland soll es heißen.´ Dann fuhren sie schleunigst wieder zum Schiff. Nun stachen sie wieder bei Nordost in See. Sie waren zwei Tage unterwegs und sahen dann wiederum Land. Sie segelten zur Küste und kamen zu einem Eiland nördlich vom Lande. Sie gingen dies hinauf, sahen sich bei gutem Wetter um und fanden Tau auf dem Grase. Sie netzten zufällig ihre Hände darin, führten sie zum Munde und meinten, nie etwas so Süßes gekostet zu haben. Sie fuhren jetzt zu ihrem Schiff zurück und segelten in den Sund zwischen der Insel und dem Vorgebirge, das sich nordwärts vom Lande her wies. Sie steuerten westlich an dem Vorgebirge vorüber. Da waren zur Ebbezeit große Untiefen am Seestrande, und ihr Schiff saß fest. Die Flut war vom Schiff in der Ferne zu sehen, doch sie waren so gespannt, ans Ufer zu kommen, dass sie nicht warten mochten, bis das Wasser ihr Schiff wieder hob. Sie gingen an Land. Dort kam ein Fluss aus einem See.

Sobald die Flut wieder ihr Schiff hob, nahmen sie ihr Boot, ruderten zum Schiff zurück, führten dieses stromaufwärts und schließlich in den See. Dort kreuzten sie, trugen ihre Hängematten vom Schiff und schlugen Landzelte auf. Dann beschlossen sie, sich für den Winter daselbst anzusiedeln, und erbauten sich dort große Hütten. Weder im Fluss, noch im See fehlte es an Lachsen, und größere Lachse denn diese hatten sie früher nie gesehen. Das Land war so reich, dass sie keine Winterfütterung für das Vieh nötig zu haben glaubten. Keinen Frost gab es dort im Winter, und das Gras wurde kaum welk. Tag und Nacht waren nicht so verschieden wie in Grönland oder Island. Am Mittwintertage sah man die Sonne von 1/2 8 Uhr vor- bis 1/2 5 Uhr nachmittags. Als der Hausbau fertig war, sprach Leif zu seinen Fahrtgenossen: "Nun will ich unsere Schar teilen und das Land auskundschaften lassen. Die eine Hälfte bleibe daheim in der Hütte, die andere erforsche das Land, gehe aber nie so weit, dass sie nicht abends zurück sein kann, und sie zersplittere sich nicht.” Das taten sie denn auch eine Zeitlang. Leif selbst zog bald mit aus, bald blieb er daheim in der Hütte. Er war groß und stark, von höchst mannhaftem Ansehen. Dazu ein in jeder Hinsicht kluger und maßvoller Mann."


Nachbau eines Wikinger-Langhauses in Südgrönland
Nachbau eines Wikinger-Langhauses
in Südgrönland
Leifs Expedition war sicherlich eine der eindrucksvollsten der Menschheitsgeschichte. Über ein Jahr war er unterwegs und erforschte mit seiner Mannschaft einen Teil der Ostküste Nordamerikas, überwinterte dort und kehrte gesund nach Grönland zurück. Eine Leistung, die ihn in die erste Reihe der großen Entdecker stellt. Obwohl die Grönland-Saga ein Dokument ersten Ranges ist, wird die strenge Kälte im winterlichen Neufundland nicht beschrieben. Auch nicht, dass die Wikinger immer wieder auf Jagd und Fischfang gehen mussten. Dafür wird ausführlich geschildert, wie sie Weintrauben fanden und das neu entdeckte Land daraufhin Vínlandia nannten. Diese Bezeichnung passt nicht zur rauen Küste Neufundlands. Doch dürfte diese Erzählung sicherlich später manchen dazu veranlasst, in das viel versprechende Land im Westen zu segeln.

Das Land im Westen mit seinem artenreichen Tierleben und den weiten Wäldern bot den Wikingern zahlreiche Möglichkeiten der Besiedlung. Eigentlich ging es ihnen hier besser als in Grönland, wo sie aufgrund der zunehmenden Einwohnerzahl bald gezwungen waren mit Pelzen und dem Elfenbein der Walrosszähne mit dem fernen Europa Handel zu treiben. Über die beachtliche Zeitspanne von rund 300 Jahren hatte sich ein reger Handelsverkehr per Schiff zwischen Grönland und dem europäischen Festland entwickelt, der aber dann aus bis heute unbekannten Gründen spärlicher wurde und schließlich ganz aufhörte. Als keine Nachrichten mehr von Grönland nach Skandinavien kamen, sandte der norwegische König Magnus Eriksson in der Mitte de 14. Jahrhunderts eine Expedition aus, um nach dem Schicksal der Grönland-Wikinger zu forschen. Die Suchmannschaft fand jedoch nur verlassene Siedlungen und Mauerreste. Wo waren sie geblieben? War ihnen die Nahrung ausgegangen oder war der Holzmangel die Ursache für das Verschwinden? Waren sie der Übermacht der Inuit gewichen? Oder trifft es zu, dass sie schließlich nach Amerika ausgewandert sind? Ungeklärte Fragen, die noch heute unbeantwortet sind und über die Historiker heute noch unterschiedlicher Meinung sind. So unterschiedliche Auffassungen hatten Experten auch lange Zeit bei der Beurteilung des so genannten Kensington-Steines, den ein schwedischer Farmer in Minnesota - im Zentrum Nordamerikas - im Jahre 1898 unter den Wurzeln eines Baumes fand. Der Spezialist für skandinavische Sprachen, Professor O.J. Breda, versuchte zu jener Zeit die Runen zu entziffern:

"8 Schweden, 22 Norweger auf einer Entdeckungsreise von Vínland West. Wir lagerten einige Tagesreisen nördlich von diesem Stein. Wir fischten einen Tag, als wir heimkamen fanden wir 10 Männer rot von Blut und tot. AVM rettete uns vor dem Bösen. Männer am Meer, um auf unsere Schiffe aufzupassen. Tagesreisen von dieser Insel. Im Jahre 1362"

Prof. Breda hielt die Inschrift für eine Fälschung, insbesondere wegen teilweise falscher Verwendung des altnordischen Vokabulars. Staatsgeologen von Minnesota, die den Kensington-Stein über ein Jahr prüften, erklärten schließlich, dass die Runeninschriften rund 500 Jahre alt seien. Daraufhin wurde der Stein ein Objekt des Streits und gegensätzlicher Auffassungen geworden. Insbesondere der Amerikaner Hjalmar Rued Holand, mit norwegischer Abstammung war von der These von Wikinger-Siedlungen in ganz Amerika überzeugt und verteidigte die Echtheit der Inschrift. Er kaufte 1907 den Stein und sammelte zweifelhafte Gutachten von Gelehrten, die den Stein für authentisch hielten. Heute ist des Fälschung des Kensington-Steins bewiesen.

Tatsächlich wurde in der Vergangenheit jedoch in der Amerikaliteratur vielfach auf die Entwicklung einzelner Indianerkulturen durch Einfluss früherer Wikinger-Expeditionen hingewiesen. Selbst ernsthafte Forscher wie Alexander von Humboldt beziehen sich auf Berichte der ersten Entdecker, in denen von Begegnungen mit weißen Indianern gesprochen wird. Diese sollen groß, blond und blauäugig gewesen sein und sich deutlich von der übrigen Bevölkerung abhoben haben. Erstaunlich waren vor allem deren geographische Kenntnisse. So konnten offensichtlich einige Indianer Nordamerikas den ersten europäischen Pelzhändlern im 16. Jahrhundert Flussverbindungen für den ganzen Kontinent beschreiben. Hier zählten auch die Wasserscheiden, bei denen die Boote von einem Fluss in den anderen über Land getragen werden konnten. In gleicher Weise hatten die Wikinger die Wasserstraßen Russlands auf ihren Handelsfahrten benutzt.

Wie weit die Wikinger Nordamerika im Westen erkundeten in ungewiss. Auch ist bis heute ungeklärt, wie weit sie von Vinland aus nach Süden segelten. Viele Historiker halten es heute für realistisch, dass sie bis in die Breitengrade des heutigen New Yorks gereist sind. Andere halten sogar das Vordringen bis nach Florida und in de Golf von Mexiko für möglich. Dass Drachenschiffe ihren Bug sogar in den Strom des Amazonas richteten, dürfte unwahrscheinlich sein, auch wenn einige Historiker dies schon vereinzelt nachzuweisen versuchten. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Wikinger und ihre Fahrten in die Neue Welt auch in Zukunft noch viele Rätsel aufgeben werden.
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